Polarfüchse auf Hornvik
4 Flüge, 2 Bootsfahrten, 1300km mit dem Auto, 5 Unterkünfte, mehrere Reisetage. Die nackten Zahlen schrecken ein wenig ab, aber zum „Ende Europas“ (und zurück) ist der Aufwand groß. Warum freue ich mich trotzdem über so eine Abenteuerreise? Weil Island noch immer ursprünglich wilde Natur bietet und für Naturfotografen ein echtes Suchtpotential hat.
Aber der Reihe nach.
Wir reisen nach Island, über Keflavik nach Norden in Richtung Isafjördur, der Hauptstadt der magischen Westfjorde. Schon bis dahin erleben wir wunderbare Landschaften sowie überraschend starkes Nordlicht. Diese erste große Polarlichtnacht findet nahe dem kegelförmigen Berg „Baula“ statt und gibt die Richtung für die nächsten Nächte vor.
Insgesamt 5x in 8 Tagen sehe ich zum Teil sehr starkes Nordlicht. Das letzte im Südwesten bei Reykanesviti am Meer.
Als wir am dritten Reisetag endlich in unser Boot nach Hornvik steigen wollen kommt über Nacht ein Sturm auf, zu hohe Wellen machen die etwa 3stündige Überfahrt und eine Landung am Strand unmöglich.
Wir beschließen daher zum Sonnenaufgang mit dem Kleinbus nach Minnibakki zu einem Sandstrand in der Nähe von Isafjördur zu fahren. Auf der ersten Anhöhe geht bei massiver Vereiseng auf der Straße trotz Allrad nichts mehr voran. Unser Guide Philipp Jakesch ist nicht nur Fotograf, und Ranger, sondern hat auch diese etwas brenzlige Situation (wie auch den gesamten Rest des Abenteuers) sicher unter Kontrolle.
Also bleiben wir zum Sonnenaufgang am Strand in Isafjördur und wandern später zum „Valagil-Wasserfall“.
Hier werden wir mit mildem Schönwetter belohnt. Alle legen Grödel an, denn der Boden im Tal ist durch Eis weitgehend verkrustet.
Abends nach der Rückkehr plötzlich überraschend starkes Polarlicht in Isafjördur.
In der Früh dann die ersehnte, relativ ruhige Überfahrt in die völlig menschenleere Zone des Hornstrandir Nationalparks. Wir werden von Stigur, einem freundlichen Isländer und Nachkommen der ehemaligen Hornvik-Population begleitet. Alles klappt gut, auch Entladung vom Boot und Inbetriebnahme der Hütte. Diese sieht nach 5 Monaten Winterpause wieder Gäste. Im Haus hat es zu Beginn nur 3° Celsius, zum Schlafen immerhin schon 12°.
Wir scharen uns um den kleinen Holzofen und drehen uns später in die Daunenschlafsäcke.
Am nächsten Tag wandern wir durch steiles Gelände auf den ersten Sattel und haben gleich flüchtige Fuchssichtungen.
Da insgesamt wenig Schnee liegt brauchen wir keine Schneeschuhe und kommen gut voran.
Abends und an den übrigen Tagen zeigt Bergführer Philipp seine Fähigkeiten als guter Koch. Wir sitzen beisammen und nutzen die moderne Holzofen-Sauna.
In den nächsten Tagen regnet es zeitweise, wir scouten die Gegend und legen einige Kilometer mit Ausrüstung zurück. Trotz Vorsicht brechen wir ab und zu mit einem Bein in die querenden Bachläufe ein, ohne ernste Verletzungen.
Einmal wandern wir weit bergauf um Füchse an einem Bergsee aufzuspüren, was leider nur entfernt gelingt. Die wenigen Tage verrinnen wie der Sand in unserer Bucht.
Die zurückgezogene Fjordlandschaft und das raue Meer sind fast berauschend schön.
Unsere Abgeschiedenheit wird mir rasch zur Gewohnheit. Kein Handy, kein Strom (Hausbatterie ist ab dem zweiten Tag defekt), kein fließendes Wasser, wir schöpfen aus dem Bach und kochen auf dem Gasherd .
Rundherum nur wilde Natur. Noch dazu erlebe ich das stärkste und beeindruckendste Nordlicht meines Lebens .
Wegen Wind und Wellen müssen wir einen Tag anhängen, auch das stört mich nicht, da ich weiter in Island bleibe.
Außerdem hab ich noch eine Rechnung offen. Ein ansprechendes Foto vom Polarfuchs. Mal läuft ein Fuchs weg, wenn wir ihn beim Wandern wegen seiner Tarnung beim Schlafen stören, mal bin ich am Strand und fotografiere nordische Enten, wenn oben beim Haus der Fuchs fotogen herumläuft.
Am letzten Tag schneit es stark, so hätte es immer sein können. Leider recht spät, denn wir müssen schon packen und das Haus für eventuell nächste Besucher im Mai klar machen. Unser Boot aus Isafjördur ist schon unterwegs und trotzt den 4 Meter hohen Wellen. Bald wird es da sein.
Während dem Gepäcktransport sieht unser Guide vom Haus aus plötzlich einen stattlichen Fuchs unten den Strand entlanglaufen. Das ist meine letzte Chance nach einer knappen Woche endlich ein schönes Bild einzufangen. Gemeinsam mit Kollegen laufe ich die Holzstiegen zum verschneiten Strand hinunter und hoffe, dass wir dieses Füchslein nicht verschrecken. Wir machen uns auf den rundlichen Felsen klein und warten. Der Fuchs ignoriert uns glücklicherweise und marschiert, atemberaubend knapp, nur wenige Meter an uns vorbei. Endlich ein „last Minute“ Foto vom Polarfuchs, ich bin euphorisch.
Keine Stunde später sitzen wir nach anstrengender Beladung und Zodiacfahrt im Boot. Ohne Anti-Schwindelmedikament geht es heute nicht, die Wellen beuteln uns ordentlich durch. Ankunft in Isafjördur und allgemeine Erleichterung, denn schon am nächsten Tag hätte es wieder viel zu hohe Wellen gegeben.
6 Stunden Autofahrt nach Reykjavik. Abends fast inflationär wieder Polarlicht am Parkplatz vor dem Hotel.
So endet meine abenteuerliche Reise ans Ende der europäischen Zivilisation, bei teils harten Bedingungen.
Die Erlebnisse und Fotos sprechen für sich, es war wild und unglaublich schön.